Aleksandr Bestuzevs Brief von 1826 an Nikolaj I.
Der Dichter und Schriftsteller
Aleksandr Bestuzev hat in einem Brief "Über die historische Entwicklung
des Freidenkertums in Rußland" das Handeln der Dekabristen 1826 gegenüber
Nikolaj I. dargestellt. Er schrieb dem Zaren als Gefangener in der
Peter-Pauls-Festung.
„In der Überzeugung, daß Sie, Majestät, die Wahrheit lieben, nehme ich mir die
Freiheit, Ihnen die historische Entwicklung des Freidenkertums sowie eine
Vielzahl von anderen Begriffen darzulegen, welche die moralische und politische
Seite des Unternehmens vom 14. Dezember ausmachten. Ich werde in rückhaltloser
Offenheit sprechen, ohne das Schlechte zu verheimlichen, ohne mich auch nur in
meiner Ausdrucksweise zu dämpfen. Denn es ist die Pflicht eines Untertanen,
seinem Monarchen ohne Schönfärberei die Wahrheit zu sagen. Ich beginne: Der
Anfang der Herrschaft des Zaren Aleksandr war gekennzeichnet durch die
glänzendsten Hoffnungen für das Wohlergehen Rußlands. Der Adel amüsierte sich,
die Kaufmannschaft hatte sich über Kreditmangel nicht zu beklagen, der
Militärdienst war ohne Mühsal, die Wissenschaftler studierten, was sie wollten,
alle sagten, was sie dachten, und jedermann erwartete von der Menge des Guten
immer mehr. (...) Schließlich drang Napoleon in Rußland ein, und da spürte das
russische Volk zum erstenmal seine Kraft, da erwachte in allen Herzen das Gefühl
einer Unabhängigkeit, die anfangs außenpolitischer, dann aber auch
innenpolitischer Natur war. Dies ist der Beginn des Freidenkertums in Rußland.
Die Regierung selbst sprach die Worte ‚Freiheit’ und ‚Befreiung’ aus. (...) Der
Krieg dauerte noch an, als die heimkehrenden Krieger zum erstenmal das Murren
unter das Volk trugen. ‚Wir haben unser Blut vergossen’, sagten sie, ‚doch nun
zwingt man uns wieder in die Fron. Wir haben das Vaterland von einem Tyrannen
befreit, doch nun werden wir aufs neue von unseren Herren tyrannisiert.’ Alle
heimkehrenden Krieger, von den Generälen bis hinab zu den Soldaten, sagten das
gleiche: ‚Wie schön ist es im Ausland.’ Der Vergleich mit der Heimat brachte sie
natürlicherweise auf die Frage: ‚Weshalb ist es bei uns nicht so?’ Anfangs, als
wir ungehindert darüber sprechen konnten, verflogen solche Worte im Wind, denn
der Geist ist – wie das Pulver – nur in gepreßter Form gefährlich. Die Hoffnung,
Seine Majestät der Zar würde uns eine Verfassung geben, wie er (...) in Warschau
gesagt hatte, sowie der Versuch einiger Generäle, ihre Leibeigenen zu befreien,
beglückten viele. Doch im Jahre 1817 veränderte sich alles. Die Menschen, die
Böses erlebt hatten oder Besseres wünschten, wurden durch eine Vielzahl von
Spionen gezwungen, nur noch insgeheim miteinander zu reden. Dies ist der Beginn
der Geheimgesellschaften. Daß verdiente Offiziere durch ihre Vorgesetzten
unterdrückt wurden, empörte die Gemüter. Daß man deutsche Familiennamen den
russischen vorzog, kränkte den Volksstolz. Zu dieser Zeit begannen die Militärs
zu sagen: ‚Haben wir deshalb Europa befreit, daß wir uns nun selber in Ketten
schlagen lassen? Haben wir deshalb Frankreich eine Verfassung gegeben, damit wir
jetzt nicht mehr von ihr sprechen dürfen? Haben wir deshalb den ersten Platz
unter den Völkern errungen, um daheim erniedrigt zu werden?’ Die Abschaffung der
Normalschulen und die Verfolgung der Gebildeten zwang die Menschen, sich aus
Hoffnungslosigkeit Gedanken über grundlegende Maßnahmen zu machen. Das Murren
des Volks über seine Ausplünderung und die Mißstände bei Zemstvo- und
Zivilverwaltungen drohten zu einer blutigen Revolution zu werden. Deshalb faßten
die Gesellschaften den Entschluß, das größere Übel durch das kleinere abzuwenden
und bei der ersten sich bietenden Gelegenheit in Aktion zu treten“.
Als Mitglied der Dekabristenvereinigung (Nordbund) wurde Aleksandr Bestuzev am 22. August 1826 zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, die er in Jakutsk ableisten sollte. Auf Antrag der Familie wurde er zum Militärdienst in den Kaukasus versetzt.