MARIA NIKOLAJEWNA WOLKONSKAJA

Auszug aus: Christine Sutherland
Lieselotte Remané - Nachwort zu:
Erinnerungen der Fürstin Maria Wolkonskaja
Zum Hörspiel
"Deiner fernen Wüste Trauer - Die Erinnerungen der Maria Wolkonskaja
Auszug aus Christine Sutherland: Die Prinzessin von Sibirien
(Buchhinweise am Ende)
Im Herbst 1844 lebten Maria und die Kinder in Irkutsk in einem großen zweistöckigen Haus, das aus gut abgelagertem Holz erbaut war, mit hübschen handgemalten Verzierungen um Fenster und Haustür. Die Zimmer waren geräumig und gut geschnitten, mit hohen Decken und großen eingebauten Kachelöfen. Das Licht strömte durch sauber eingepaßte große Doppelfenster herein, die die wütenden Stürme und die arktische Kälte abhielten. Das Haus lag ein bißchen zurückgesetzt, durch einen hohen weißen Lattenzaun von der Straße getrennt; ein breites, gewölbtes Tor führte in einen weiten Hof mit mehreren Nebengebäuden, Unterkünften für die Dienerschaft und Stallungen. Sibirische Kiefern und weiße Birken umgaben es von allen Seiten ...
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Marias Haus existiert noch. Es steht in einer ruhigen
Nebenstraße in der Altstadt von Irkutsk, wo die Gassen voller reich verzierter
Holzhäuser noch nicht Betonbauten Platz gemacht haben. Es hat auch das große
Feuer von 1879 überlebt, und als ich 1980 dort war, war es ein Teil des Dekabristen-Museums, auf das die Stadt sehr stolz ist. (Der andere Teil des
Museums ist in dem ehemaligen Trubezkoj-Haus untergebracht.) Mehrere gut
erhaltene Möbelstücke der Wolkonskijs stehen noch an ihrem Platz, einschließlich
Marias Klavichord; auf dem Fußboden von Marias Schlafzimmer liegt eine sehr
schöne Orientbrücke, und es gibt eine beeindruckende Anrichte, auf der sie
wahrscheinlich bei Abendgesellschaften die Speisen aufbaute ...

Dom Wolkonskij - Dekabristenmuseum in Irkutsk (Rückansicht)
Ende April 1844 war Maria mit ihrer Dienerschaft, Mascha, Liutik und den Kindern
in das Haus eingezogen. Es wurde noch zusätzliche Hilfe angeheuert. Für Mischa,
der später in die höhere Schule eintreten sollte, kam ein Hauslehrer. Eine
französische Lehrerin, Mademoiselle Millard, die Alexander Rajewskijs Frau
empfohlen hatte, war bereits auf dem Weg von Moskau hierher; sie sollte Jelenas
Gouvernante werden. Aus Petersburg wurden Möbelstücke und Porzellan abgeschickt.
Es unterschied sich alles sehr von Marias erstem Besuch mehr als siebzehn Jahre
zuvor, als sie auf dem Weg zu den Blagodatsker Minen ihre Reise hatte
unterbrechen müssen, um General Zeidlers grausame Forderungen zu unterschreiben.
Es war herrlich, wieder so etwas wie ein zivilisiertes Leben führen zu können,
auch wenn sie immer noch als »Frau eines Staatsverbrechers« geführt wurde und
ihr Mann noch immer unter strenger Polizeiüberwachung stand.

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»Das Äußere von Irkutsk und das Leben seiner Bewohner erscheint in hohem Grade
behaglich«, schrieb Adolph Erman, Weltreisender, Mathematiker und Physiker, in
seiner »Reise um die Erde durch Nordasien und die beiden Ozeane«. »Während der
genannten Dauer meines Aufenthalts in der Hauptstadt und deren Umgegend war der
Himmel fast ohne Ausnahme unbewölkt und von äußerst dunkelblauer Farbe . . .
Seit Anfang März verging kein Tag, ohne daß es an sonnigen Orten aufs heftigste
getaut hätte . . . Doch mußte nun wieder . . . ein tuchener Frack und ein
Mantel, der nur mit Hasenfell gefüttert war, die ostjakischen Kleider vertreten.
Auf den Straßen der Stadt lag ungleich weniger Schnee als in anderen sibirischen
Orten, und die mit Holz belegten Fußwege neben den Häusern waren davon völlig
rein. Die Klarheit der Atmosphäre und die starke Beleuchtung verliehen der
Landschaft einen besonderen Reiz, indem sie entfernte Gegenstände dem Auge näher
rückten und den Glanz der Farben erhöhten. « ...

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Die Ankunft einer echten Fürstin mit einem berühmten, geschichtsträchtigen Namen
war eine Sensation für die Stadt. Auch wenn sie offiziell die »Frau eines
Staatsverbrechers« war. Die Frauen wetteiferten miteinander, ihr einen Besuch zu
machen und sich und die Kinder einzuladen, doch anfangs weigerte sich Maria, sich
in den gesellschaftlichen Trubel zu stürzen. Ihre Stellung war immer noch
schwach. General Rupert war, wenn er sich auch in der letzten Zeit ihr gegenüber
wohlgesinnt gezeigt hatte, ein unsicherer. Verbündeter. Eine falsche Bewegung,
und die Erlaubnis für Mischa, die höhere Schule zu besuchen, konnte widerrufen
werden. Es war besser, behutsam vorzugehen ...

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Das Findelhaus machte ihr große Sorgen, aber auch hier wagte sie noch keine
volle Hilfe anzubieten. In einem baufälligen Haus am Stadtrand, über dem Ufer
der Angara, wurden mehr als 370 Kinder aufgezogen. Die meisten waren von
russischen Siedlern gezeugt, die sich geweigert hatten, die Kinder anzuerkennen.
Niemand schien zu wissen, wie man eine solche Einrichtung betrieb. Die Härte des
Klimas, die Unmenschlichkeit und Nachlässigkeit mancher Mütter und die
Unfähigkeit der Pflegerinnen waren für die erschreckend hohe
Säuglingssterblichkeit verantwortlich. Anfangs konnte Maria nicht mehr tun, als
es regelmäßig aufzusuchen, nach und nach aber auch praktische Vorschläge zu
machen und vorsichtig finanzielle Hilfe anzubieten. Aber auch so verbreitete
sich die Nachricht von ihrem Interesse schnell in der Stadt (von den Frauen der
reichen Kaufleute hatte nie eine das Findelhaus besucht), weckte Bewunderung und
steigerte die Achtung, die man ihr entgegenbrachte. Diese Hochachtung von seiten
der Bevölkerung brachte ihr Ärger nut dem Gouverneur ein ...

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Seit Maria klassische Musik, die sie so liebte, gehört hatte, war viel Zeit
vergangen; an diesem Tag beschloß sie ganz spontan, zu dem Konzert zu gehen und
Jelena mitzunehmen. Sie wollte außerdem mit den Kindern zusammensein, mit denen
sie wochenlang in der Grundschule Weihnachtslieder eingeübt hatte. Sie war stolz
darauf, daß es ihr innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit gelungen war, einen
tüchtigen Kinderchor aufzubauen: Zum ersten Mal seit Jahren hatte Irkutsk seine
eigenen Weihnachtssänger gehabt, Kinder, die in phantasievolle biblische Kostüme
gekleidet von Haus zu Haus gingen. Alle waren begeistert gewesen, vor allem die
Älteren waren »der Fürstin« dankbar, daß sie die Bräuche des alten Rußland an
diesen rauhen Grenzort gebracht hatte ...
Der wuchtige Steinbau war schon voll, als Maria und ihre Tochter ankamen. Jede
Bank und jeder Schemel waren besetzt, und auch auf Heuballen am Boden hockten
die Leute. Mutter und Tochter hielten am Eingang kurz an; das flackernde Licht
an der Tür beschien sie deutlich. Ein Augenzeuge berichtete, daß »plötzlich
etwas Unglaubliches geschah. In einer einzigen unwillkürlichen Bewegung erhob
sich das gesamte Auditorium und applaudierte - nicht den Musikern, die eben ihre
Plätze auf dem Podium einnehmen wollten, sondern >der Fürstin<. Die Menschen
traten zurück, es öffnete sich eine Gasse, und die Fürstin ging mit ihren
leichten Schritten, die Tochter an der Hand, nach vorn; man führte sie zu zwei
Stühlen gleich hinter dem Gouverneur und seiner Frau.«
Maria war tief gerührt und viel zu überrascht, um zu überlegen, was der
Gouverneur davon halten würde. Er hatte sich umgedreht und alles beobachtet,
aber er konnte sie ja kaum fortschicken, das hätte sicher einen Tumult
hervorgerufen. Sie ahnte natürlich, daß er ungehalten sein würde - und das war
er! Am nächsten Tag bekam sie eine knappe schriftliche Mitteilung, in der ihr
jedes weitere öffentliche Auftreten untersagt wurde. »Gouverneur Rupert hat mir
befohlen, eine Weile zu verschwinden«, kommentierte Maria gegenüber Jekaterina
sarkastisch. »Ich wollte, es gäbe hier ein paar hübsche Ecken, wo wir
Luftveränderung genießen könnten, aber der einzige Ort, der dazu in Frage käme,
sind die heißen Quellen am Nordufer des Baikal-Sees
(Link zu Bildern der heißen Quellen siehe unten*). Unglücklicherweise sind zu
dieser Jahreszeit die ohnehin beschränkten Aufnahmemöglichkeiten durch Kaufleute
und Karawanenbesitzer belegt, die ihre Gesundheit nach den Exzessen der
jährlichen Messe in Kjachta wiederherstellen wollen.« ...
...
An einem schönen Sommertag Ende Juni fuhren sie zu einem Schlammbad, den
berühmten heißen Quellen am Nordufer des Baikal-Sees. Von einem erhöhten Punkt
aus konnte man dort den See in all seiner Herrlichkeit sehen. Die Quellen wurden
von der Provinzregierung als Heilbad für Arthritis- und Rheumakranke und jene
betrieben, die Heilung von »dem wohlbekannten Übel, der >Geißel Sibiriens< «,
suchten. Sie wohnten in einem kleinen Hotel, und im Morgengrauen beobachtete
Maria das verblüffende Schauspiel von wilden Tieren, die »zur Kur« von den
Bergen herabkamen. Man sagte ihr, daß seit unausdenklichen Zeiten Rentiere,
Füchse, Bären, Luchse und Waschbären - die wildlebenden Geschöpfe der nördlichen
Taiga - beim ersten Licht des Tages aus dem Gebirge kämen, um sich wohlig in dem
heilenden Schlamm zu suhlen. Sie schienen der menschlichen Nähe kaum
Aufmerksamkeit zu schenken.
Maria war fasziniert von diesem außergewöhnlichen Anblick. Tiere der Wildnis,
Burjatenstämme, Tschuktschen, die auf Rentieren durch die Wälder ritten - das
waren die Bilder von Sibirien, an die sie sich für den Rest ihres Lebens immer
mit Vergnügen erinnerte. Die beiden Frauen waren auch überrascht über das
erstaunliche Gemüse, das hier im Umkreis von mehreren Meilen gedieh; die
Einwohner schrieben die wunderbare Größe ihrer Produkte den »wohltuenden
Dämpfen« aus den heißen Quellen zu.
Christine
Sutherland
Die Prinzessin von Sibirien -
Maria Wolkonskaja und ihre Zeit
NEU ab 2010: List-TB: Maria Wolkonskaja war die Frau des Fürsten Wolkonskij, die ihrem Mann in die Verbannung gefolgt ist. Mit diesem Buch kann man sehr lebendig die Vorgaenge um den Dekabristenaufstand (z.B. auch die Rolle Puschkins dabei) und das Leben und Wirken der Dekabristen und ihrer Frauen in Sibirien) nachvollziehen.
Das Buch können Sie HIER bei einer befreundeten Versandbuchhandlung bestellen.
Bilder zum Text
Die heißen Quellen am Nordbaikal
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