Nikolai Alexejewitsch Nekrassow
RUSSISCHE FRAUEN
- Ein Poem -

Trubezkoj-Museum in Irkutsk
DIE FÜRSTIN (Ekaterina Iwanowna) TRUBEZKAJA (1800 - 1854)
(Das Jahr 1826)
Zweiter Teil
Die Fürstin war acht Wochen fast
Schon unterwegs ohn Ruh und Rast.
Der Schlitten schien genug stabil,
Doch allzu fern noch war das Ziel.
Kurz vor Irkutsk erkrankte schwer
Des alten Grafen Sekretär.
Da er so bald gesund nicht ward,
Entschloß sie sich zur Weiterfahrt.
Bei der Irkutsker Poststation
Steht wie von ungefähr,
Steif wie ein Stock, grauhaarig schon,
Höchstselbst der Gouverneur,
Im offnen Pelz, die Brust geschmückt
Mit Ordenskreuz und -stern, .
Und eine Hahnenfeder nickt
Vom Hut dem würdigen Herrn.
Der Postmeister - Gott weiß, wofür -
Schimpft erst den Kutscher aus,
Dann reißt er eifrig auf die Tür.
Die Fürstin steigt heraus.
Fürstin (Geht in das Stationsgebäude.)
„Schnell! Nach Nertschinsk! Beeilt Euch, schnell!“
Gouverneur
„Madame, ich kam hierher. . .“
Fürstin
„Ich brauche Pferde! Gebt Befehl!“
Gouverneur
„Oh, eilt Euch nicht zu sehr!
Ruht Euch doch aus, nur kurze Zeit!
Die Straßen sind hier schlecht.“
Fürstin
„Habt Dank. Mein Weg ist nicht mehr weit.
Ich schaffs, ich komm zurecht!“
Gouverneur
„Achthundert Werst, Madame, das ist
Noch viel! Und die Gefahr!
Ich spreche dienstlich, daß Ihr’s wißt,
Doch auch als Freund, fürwahr!
Ich schätze Euren Vater sehr,
Ich hab ihn gut gekannt.
Ein großartiger Mensch war er
An Herz wie an Verstand.
Sieben Jahr lang war er Kommandeur
In meinem Regiment.
Begreiflich, daß ich glücklich wär,
Wenn ich Euch dienen könnt.“
Fürstin
„Ich brauche nichts - nur ein Gespann!
Sie öffnet die Tür zum Flur.
Steht es für mich bereit?“
Gouverneur
„Wenn ich’s befehle; doch nur dann!
Madame, es tut mir leid.“
Fürstin
„So bitt ich Euch, befehlt es doch!“
Gouverneur
„Hört mir erst zu, Madame!
Ein Hindernis gibt es da noch.
Ein Eilbrief nämlich kam
Just mit der letzten Post hier an.“
Fürstin
„Umkehren soll ich? Ja?“
Gouverneur
„Ihr tätet sicher besser dran !“
Fürstin
„Schreibt das mein Herr Papa?
Er willigte in alles ein,
Half mir, damit Ihr’s wißt!
Er kann der Briefschreiber nicht sein!
So sagt mir, wer es ist!“
Gouverneur
„Eins kann ich nur bestätigen jetzt:
Der Weg ist viel zu weit!“
Fürstin
„Dann haben wir genug geschwätzt.
Ist mein Gespann bereit?“
Gouverneur
„Nein, Fürstin! Hier befehle ich,
Und ich befahl’s noch nicht.
Setzt Euch doch endlich, hört auf mich!
Ich folg nur meiner Pflicht.
Wenn Euch der Graf auch reisen ließ,
Mich dauert sein Geschick.
Zu Tode grämt er sich gewiß!
Drum kehrt zu ihm zurück!“
Fürstin
„Sinnlos, Euch zu versichern jetzt:
Ich lieb ihn bis ans Grab.
Doch was ich mir zum Ziel gesetzt,
Davon hält mich nichts ab!
Eine noch heiligere Pflicht
Treibt mich zu meinem Mann.
Drum peinigt mich nun länger nicht
Und gebt mir das Gespann!“
Gouverneur
„Ich weiß, warum Ihr eilen müßt,
Ziehn ließ’ ich Euch sofort,
Doch frag ich mich, ob Ihr auch wißt,
Was Euch erwartet dort.
Ist’s hier schon unerträglich schier,
Dort ist’s noch mal so schlimm,
Der Frühling kürzer noch als hier,
Der Winter doppelt grimm.
Acht Monate kein Sonnenstrahl,
In Eis erstarrt das Land,
Die Menschen roh, das Kainsmal
Fast allen eingebrannt.
Verbrecher tummeln sich dort dreist.
Ein finstrer Bergwerksschacht
Ist’s, was man dort Gefängnis heißt;
Da haust Ihr Tag und Nacht,
Gepfercht, wie seelenloses Vieh,
Nährt Euch von Brot und Kwaß.
Allein seht Ihr den Gatten nie,
Dort herrscht nur Wut und Haß.
Fünftausend sind es, die man dort
Zu Bestien gemacht.
Streit, Prügeleien, Raub und Mord
Gibt’s da in jeder Nacht.
Noch schrecklicher ist das Gericht,
Das man vollstreckt alsdann.
Und alledem entgeht Ihr nicht,
Schaudernd seht Ihr’s mit an.
Erbarmen, Rücksichtnahme ist
Dort unbekannt, glaubt mir!
Weil Euer Mann zu Recht dort büßt,
Müßt Ihr es auch? Wofür?“
Fürstin
„Was er dort aushält, sicherlich
Ist es entsetzlich schwer.
Drum eben ziemt es sich für mich,
Daß ich’s ertrag wie er.“
Gouverneur
„Ertragen wollt Ihr all die Not?
Kehrt um und fahrt nach Haus!
Das Klima ist schon Euer Tod!
Ihr haltet es nicht aus I
Daran gewöhnt sich kaum ein Hund.
Der Frost ist dort so hart,
Daß Euch zu Schneestaub dicht vorm Mund
Der Atemhauch erstarrt.
Endlos der Winter, eingehüllt
In eisige Dunkelheit;
In Giftdunst, der aus Sümpfen quillt,
Die kurze Sommerzeit.
Kein Tier, das dieser Wildnis nicht
Schnell zu entfliehn begehrt,
Eh die totale Nacht anbricht,
Die hundert Tage währt.“
Fürstin
„Auch andre leben dort. Gewiß
Lernt man es mit der Zeit.“
Gouverneur
„Wer lebt in solcher Finsternis?
Bedenkt, wie jung Ihr seid!
Wohl gibt es Fraun dort, die ihr Kind
Im Schnee man baden sieht,
Ob drohend auch der Steppenwind
Ihm singt das Wiegenlied,
Ob um die Hütte unentwegt
Ein Raubtier schweift und brüllt,
Wie ein Gendarm ans Fenster schlägt
Der Schneesturm nächtens wild.
Gestählt im Kampf mit der Natur
Ist, wer dort kam zur Welt.
Kühn trotzt er ab dem Urwald nur,
Dem Strom, was ihn erhält.
Ihr aber. . ,“
Fürstin
„Find ich dort den Tod,
Ich werde nichts bereun,
Möcht meinem Mann in aller Not
Nur treu zur Seite sein I“
Gouverneur
„Ihr werdet sterben, doch zuvor
Noch steigern seine Qual.
Genug, daß er den Kopf verlor!
Drum bitt ich noch einmal:
Kehrt um! Für ihn wird’s leichter sein,
Wenn er’ s allein erträgt,
Statt anzusehn noch Eure Pein. . .
Wenn er sich niederlegt,
Nach harter Arbeit ganz erschlafft,
Hungrig auf kaltem Stein,
Entrückt ihn aus der Schmach der Haft
Ein holder Traum allein,
Führt ihn ins Elternhaus zurück,
Zu Menschen, die ihm gut,
Daß anderntags er sein Geschick
Erträgt mit neuem Mut.
Wenn Ihr jedoch dort bei ihm seid,
Wird ihn kein Traum erfreun.
Verschuldet hat er Euer Leid.
Im Schlaf noch wird’s ihn reun!“
Fürstin
„Spart Eure Reden, General,
Für andre auf! Glaubt Ihr,
Durch diese Art von Folterqual
Entlockt man Tränen mir?
Als ich verließ, was allezeit
Das Teuerste mir war,
Da schwor ich einen heiligen Eid,
Trotz Grauen und Gefahr,
Unbeugsam bis zum Tode, dort
Zu meiner Pflicht zu stehn.
Nie wird an dem verfluchten Ort
Mich jemand weinen sehn!
Verachtung für die Henker will
Ich zeigen in der Haft,
Den Stolz ihm stärken, das Gefühl
Des Rechts! Das gibt ihm Kraft!“
Gouverneur
„Ein schöner Traum! Doch bald belehrt
Euch dort die Wirklichkeit!
Ich wünschte, daß Ihr auf mich hört!
Nur Schande, bittres Leid
Erwartet Euch; tagaus, tagein
Nur Wasser, trocknes Brotl
Ein Sklave werdet Ihr dort sein,
Euch sehnen nach dem Tod,
Und könntet frei sein und vergnügt,
Geehrt auf jedem Ball.
Vielleicht hat Gott es so gefügt,
Ein anderer Gemahl
Bringt Euch mehr Glück. . .“
Fürstin
„Ihr geht zu weit!“
Gouverneur
„Verzeiht, ich bin Soldat,
Mut ist nicht Unbesonnenheitl“
Fürstin
„Zu freundlich Euer Ratl
Doch ist die Welt, die ich verließ,
Nicht mehr, was sie mir war.
Gerodet hat mein Paradies
Mit Stumpf und Stiel der Zar.
Ein Friedhof ist’s, ein Totenhain,
Von Leben keine Spur,
Die Männer - Judasse, Lakain,
Die Frauen - Sklaven nur.
Da finde ich nur Heuchelei,
Beschimpfung - Ehre nie!
Da triumphiert nur Schurkerei,
Rachgier, Bigotterie.
In diese öde Wüstenei,
Da lockt mich heut nichts mehr!
Wo Eichen ragten stolz und frei,
Stehn Stümpfe, kahl ünd leer,
Sind Dummheit, Strebertum vereint,
Neid mit Verrat gepaart!
In dieser Welt gibt’s keinen Freund
Für den, der sehend ward.
Die Stumpfheit dort, die Käuflichkeit,
Ich mag sie nicht mehr sehn,
Demütig gar mit meinem Leid
Vor ihm, dem Henker, Stehn!
Verraten den, der uns geliebt?
Unmenschlichkeit verzeihn?“
Gouverneur
„Hat Rücksicht er etwa geübt?
Ließ er Euch nicht allein?“
Fürstin
„Genug, genug!“
Gouverneur
„Ich wär geneigt
Zu schweigen, hofft ich nicht,
Daß, wenn Euch sonst nichts überzeugt,
Doch Euer Stolz durchbricht.
Ihr setztet Ehre, Eigentum
Und Liebe für ihn ein.
Was aus Euch selber wird, darum
War ihm nicht bang. Allein
Sein Zukunftstraum bewegte ihn.
Jetzt, da sein Schicksal sprach,
Lauft Ihr dem Hitzkopf weiterhin
Wie eine Sklavin nach!“
Fürstin
„Ich eine Sklavin? Nein, o nein!
Ich bin ihm Frau und Freund.
Mag mein Geschick nun bitter sein,
Ich trag’s mit ihm vereint!
Selbst wenn er mich vergäß sogar
Und eine andre liebt’,
Ich wär ihm hörig nie, fürwahr,
Sosehr es mich betrübt’.
Doch alles das hat keinen Sinn;
Ich hab ja, wie bekannt,
Nur eine Nebenbuhlerin,
Sie heißt: Das Vaterland.“
--
Die Fürstin schwieg; hartnäckig, stumm
Stand lang der alte Mann.
Dann fragte sie: „Ihr schweigt, warum?
Gebt Ihr mir das Gespann?“
Gesenkt den Blick, als wüßte er
Nun nicht mehr ein noch aus,
Sprach er: „Bis morgen!“, seufzte schwer,
Grüßte und ging hinaus.
--
Am nächsten Tag das gleiche Bild:
Er bat sie Mal um Mal,
Doch hat er nichts damit erzielt,
Der wackre General.
Kein Argument fand er nun mehr,
Das noch Erfolg versprach.
Im Zimmer stelzte er umher
Verzweifelt, schon ganz schwach.
„Geht, wenn Ihr nicht zu retten seid“,
Rief er dann plötzlich aus.
„Geht, macht Euch arm für alle Zeit
Wie eine Kirchenmaus !“
Fürstin
„Ich nehm’s in Kauf! Was das betrifft. . .“
Gouverneur
„Geht Ihr zu Eurem Mann,
Verzichtet Ihr durch Unterschrift
Auf jedes Recht fortan!“
--
Und wieder schwieg der General,
Gewiß, daß dieses Wort
Die Wendung bringt auf jeden Fall.
Die Antwort kam sofort:
Fürstin
„Trotz Eures grauen Hauptes sprecht
Ihr töricht wie ein Kind.
Was Ihr da Recht nennt, ist kein Recht!
Ich werf es in den Wind!
Wahrhaftig, nein, mir liegt nichts dran!
Das Schriftstück, gebt es mir,
Damit ich’ s unterschreiben kann!
Und dann - schnell fort von hier!“
Gouverneur
„Wenn Ihr dies Schriftstück unterschreibt,
Dann könnt Ihr betteln gehn,
Von allem Eurem Reichtum bleibt
Euch nichts! Ihr werdet sehn!
Was Ihr noch später erben könnt,
Das alles büßt Ihr einl
Auch Eures Vaters Testament
Wird null und nichtig sein!
Mit dem Besitz gebt Ihr zugleich
Titel und Würden auf.
Nein, Fürstin, überlegt es Euch.!
Ich such Euch morgen auf.“
--
Da er am andern Tag nicht kam
(Der Abend brach schon an),
Ging sie, verzehrt von Zorn und Gram,
Selbst zu dem alten Mann.
Doch ließ’ der Diener sie nicht ein,
Es hieß, der Herr sei krank.
Sie wartete - o bittre Pein! -
Weitre fünf Tage lang.
Am sechsten kam er selbst zu ihr
Und sprach: „Mir steht’s nicht frei,
Euch ein Gespann zu stelln. Ab hier
Geht Ihr mit dem Konvoi!“
Fürstin
„Das dauert wochenlang, mein Gott,
Ja Monate vielleicht!“
Gouverneur
„Gesetzt, Ihr findet nicht den Tod,
Eh Ihr Nertschinsk erreicht.
Pro Stunde legt im besten Fall
Man nur vier Werst zurück.
Gerastet wird am Tag einmal
Und nachts, doch stets am Strick.
Etappenweis geht’s vorwärts nur.
Man gräbt sich ein geschwind
Im Schnee zum Schlaf, und wenn die Spur
Verweht vom Steppenwind.
Verzögerung gibt’ s überall,
Manch einer fällt tot um. . .“
Fürstin
„Etappenweise, General,
Geht’s vorwärts nur? Warum?“
Gouverneur
„Berittene Kosaken zwar
Bewachen den Konvoi,
Doch Diebe, Schwerverbrecher gar,
V erwegne sind dabei.
Reißt einer aus, braucht’s Zeit genug,
Eh man ihn bringt zurück.
Drum lassen wir den ganzen Zug
Gefesselt gehn am Strick.
Das macht den Marsch dreimal so lang,
Und von fünfhundert Mann
Kommt in Nertschinsk, dazu noch krank,
Ein Drittel höchstens an.
Erschöpft, erfroren sterben sie
Wie Fliegen auf dem Leim.
Daß Ihr so endet, duld ich nie!
Seid klug, Fürstin, kehrt heim!“
Fürstin
„Mein Gott, warum durchschaute ich
Nicht Euer arges Spiel!
Acht Tage ließe Ihr warten mich!
Ihr habt kein Mitgefühl!
Ja, ohne Eure Flunkerei
Wär ich schon lange fort!
Schnell, übergebt mich dem Konvoi!
Das ist mein letztes Wort!“
--
„Nein, Fürstin, fahren laß ich Euch!“
Rief jetzt der General.
„Ich quälte Euch, doch war’s zugleich
Für mich dieselbe Qual.“
Um wandte sich der alte Mann,
Stumm stand er, wie erstarrt,
Indessen eine Träne rann
In seinen grauen Bart.
Dann sprach er: „Fürstin, glaubt es mir:
All das befahl der Zar!
Festhalten sollte ich Euch hier,
Ich hab’s versucht, fürwahr!
V or ihm ist mein Gewissen rein.
Lang zu bedenken gab
Ich Schande Euch und Todespein,
Nichts aber schreckt Euch ab.
Ich weiß, mein Kopf steht auf dem Spiel,
Doch quäl ich Euch nicht mehr.
Drei Tage, und Ihr seid am Ziel!
Öffnet die Tür und ruft hinaus:
He, bringt die Pferde her!“