BEGEGNUNGEN MIT MARIA

Joachim Winsmann

 

 

Das Clavichord Maria Nikolajewnas (siehe Text)

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Schon als ich sie zum ersten Mal sah, war ich von ihr fasziniert. Es war nicht unbedingt ihre Schönheit, die mich beeindruckte, es waren die sprühende Lebendigkeit und die Wachheit ihres Geistes, welche mich so verzauberten. Und als ich gar erfuhr, dass sie familiäre Probleme hat, hielt mich nichts mehr zurück. Ich setzte mich nach der Weihnachtsfeier 1983 zu ihr auf eine Parkbank und umarmte sie. Der Himmel über Dresden ließ all seine Sterne über uns leuchten. Es wurde wieder hell in unseren Seelen. Wir fassten uns an den Händen und hoffte innig, dass dieses Vertrauen, das plötzlich von uns Besitz ergriffen hatte, nie mehr entschwindet. Die folgenden Tage und Wochen wurden zu Monaten, und ich lernte in ihnen von Freud und Leid der Liebe.

 

Schließlich musste ich sie doch lassen. Ihr Weg war ein anderer. Es dauerte eine Weile, bis ich das erkannte. Sie hatte es schon immer gespürt. Dennoch blieb ihre Nähe. Und wenn ich heute ihren Namen nenne, so huscht ein Lächeln über mein Gesicht, und wenn ich alt bin, wird mich die Erinnerung an sie erwärmen.

 

Eine Zeit lang habe ich versucht, ihr Antlitz in den Bildern alter Maler zu entdecken. Ich suchte nach ihren Augen im Zwinger, im Louvre, in London und Florenz. Dort habe ich sie nicht gefunden. Nur einmal möchte ich ihren Blick auf mich gerichtet sehen, nur einmal noch die Intensität ihres Lebens spüren, ihr Lachen hören und ihrer Sehnsucht nahe sein. Eine andere kam, der wieder andere folgten. Mein Wunsch ließ sich aber nicht mehr verdrängen. Er war das Gift für alle Partnerschaften, die ihr folgten, denn es gab keine, die ihr und ihrem Wesen glich. Und weil es mir nicht gelang, einen Menschen aus Fleisch und Blut zu finden, dem ich mich aus ganzer Seele anvertrauen konnte, der meiner Sehnsucht einen Weg wies, auf dem sie sich entfalten kann, zog ich mich in das Reich der guten Seelen zurück. Ich fand es auf den Seiten dicker Bücher. Diese Bücher sind schon sehr alt, doch was sie erzählen, hält mich jung. Bei jedem neuen Schatz, den ich hebe, bei jedem neuen (alten) Band, den ich in meine erlesene Bibliothek stelle, kehrt das Gefühl jener Tage zurück, in denen ich so innig liebte, dass ich ohne Angst um diesen Verlust nicht mehr leben konnte. Und was die junge Frau mir nicht gab, das geben mir heute die Erinnerungen solcher Frauen wie Maria Wolkonsky, die ihr geliebtes Clavichord noch auf den Schlitten hieven ließ, als sie sich auf den Weg nach Sibirien machte, um ihrem Mann nahe zu sein, ihn zu halten, ein Versprechen zu erfüllen, dass sich zwei Menschen gaben...

 

Das Instrument, das ihr in den Jahren der Verbannung Erinnerung und Freudequell in einem blieb, war ein Geschenk ihrer Schwägerin Sinaida Wolkonsky. Aus dem fernen Rom schickte dieses zauberhafte Wesen Pakete und Briefe nach Tschita und Irkutsk. Darin waren Noten für Maria, Samen für Sergei und warme, imprägnierte Socken. Die beiden Frauen schrieben sich regelmäßig – die Frau des Staatsverbrechers und die ehemalige Geliebte von Alexander I.

 

Es drängte mich, mehr über Sinaida zu erfahren, nachdem ich schon einiges über Maria wusste. Und heute kam ein Buch mit der Post, das ich vor Wochen bestellt hatte. Es hat den Weg per Schiff über den Ozean zu mir gefunden, damit ich es öffne und Freude erfahre. Ich schlage das Buch auf und kann es nicht fassen: da sind sie! Da sind ihre Augen, da ist ihr Blick! Und ich bin wieder in ihrem Bann... Hallelujah!

 

Ich wünsche jedem Menschen auf dieser Erde, dass er sich ähnlich reich beschenkt weiß, wenn er ein Buch aufschlägt, nicht um zu lesen, sich zu unterhalten, die Zeit totzuschlagen, sondern um Träume wahr werden zu lassen und Begegnungen zu erfahren, die man im Geist und im Gefühl realisiert, damit die Sehnsucht ein Gesicht bekommt. Als Dank erhalten wir ein Lächeln, mit dem wir alle beschenken, die uns begegnen. Ist das nicht schön?

 

Dienstag, 20. Dezember 2005

 

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