Vortrag von Joachim Winsmann auf dem internationalen Puschkinsymposion im Jahr 2003

 

 

Was liegt an seinem Namen mir,

hat er uns noch was zu bedeuten?

 

 

Gestatten Sie mir, meine Damen und Herren, einige Bemerkungen hinsichtlich dessen zu machen, was mir nach 40 Jahren, die ich nun schon unter dem Einfluß von Puschkins Namen stehe, bei der Rezeption seiner Lyrik im deutschsprachigen Raum u.a. aufgefallen ist.

 

Die Probleme um die geistig-emotionale Abdrift zwischen Original und Aneignung sind Ihnen allen hinreichend bekannt, deshalb werde ich nicht weiter darauf eingehen, sondern anhand eines Beispieles den Versuch einer Erklärung unternehmen, weshalb man keineswegs aufhören darf, die Gedichte und das Werk Puschkins immer wieder aufs neue in sich aufzunehmen und keine Mühe zu scheuen, dieses Erbe für die zeitgenössische Leserschaft und kommende Generationen so authentisch wie möglich zu erhalten.

 

Es ist unmöglich, aus der Vielzahl aller deutschen Nachdichtungen seit 1831 abgewogen zu ermitteln, welche Strophen hierfür am besten geeignet sind; und deshalb verlasse ich mich auf den Schreck, der sich in mir meldete, als ich vor zwei oder drei Jahren feierlich den Lyrikband des Insel-Verlages zur Hand nahm, um mich an den Nachdichtungen von Michael Engelhard zu erfreuen, die unter Mitwirkung von Prof. Rolf-Dietrich Keil 1999 erschienen waren. Ich halte diese schöne Ausgabe für äußerst verdienstvoll und mit Leidenschaft erarbeitet. Was mich aber erschreckte, das war die Erkenntnis, daß die Lyrik von Michael Engelhard über weite Strecken durchaus nicht meiner Vorstellung von Puschkin entsprach. Ich hatte beim Lesen einiger Gedichte den Eindruck, als würde ich ständig über Steine stolpern, Steine, die aus Begriffen geformt waren, die ich so bei Puschkin nicht gewohnt war.

 

Lag dies an meiner stilistischen Befangenheit, da ich gerade an der Übersetzung von diversen Erinnerungen der Dekabristen saß, mich an deren Denk- und Ausdrucksweise zu gewöhnen suchte, also: an einer Art Tunnelblick? Oder waren einige der Nachdichtungen tatsächlich mangelhaft? Waren es gar Fehlinterpretationen – zuviel fremde Inspiration? Dabei bin ich überhaupt nicht der Meinung, daß man Puschkins Lyrik nicht übersetzen kann und empfinde Erklärungen, wie sie zur Reclam-Ausgabe von Kay Borowskys Interlinearübersetzung 1998 gemacht wurden, nicht gut. Nichts bricht dem Dichter mehr das Genick, als die Wiedergabe seines Gesanges ohne Melodie. Und nichts schreckt die breite Leserschaft mehr ab, als solch mutloses Versagen. Auf die aber sollte es dabei ankommen, denn Puschkin lebt allein durch die Solidarität seiner Leser, die internationale Solidarität für einen Menschen, dessen kurzes irdisches Sein durch die, welche ihn lesen und interpretieren zu einem ähnlich schönen Begriff wie Menschenliebe geworden ist.

 

Und so kompliziert, teilweise auch geheimnisvoll sein Leben war, so klar und offen spricht er von seinen Sympathien und Antipathien. Nur so konnte er die Herzen eines ganzen Volkes gewinnen, nur so ging sein Wort von Mund zu Mund. Das ist für eine Bild- und-Fernsehgesellschaft sicher nicht mehr unverfälscht vorstellbar, doch erinnere ich mich noch gut daran, wie hell entflammt ich war, als mir die Lyrik Puschkins zum ersten Mal begegnete. Wie ein trockener Schwamm sog ich sie in mir auf und lernte ohne Mühe zwanzig bis dreißig Gedichte in kürzester Zeit, die ich bei langen Wanderungen lustvoll deklamierte. Die gleiche Art der Aneignung Puschkinscher Lyrik hatte ich schon in den sechziger/siebziger Jahren in Russland festgestellt. Damals bewunderte ich die Leute dort, weil selbst altgediente Militärs aus dem Stehgreif in der Lage waren, viele Strophen aus dem Werk Puschkins frei zu deklamieren. Sie bekamen dabei sogar glänzende Augen. Mir erschienen diese Menschen wie aus einer anderen Welt und hatte damit durchaus recht, denn sie befanden sich für die Dauer des Deklamierens in der Welt Puschkins. Das Erscheinen der 10-bändigen Werk-ausgabe ab 1973 wurde wie ein Fest gefeiert. Zu Hunderten mußte ich damals als Buchhändler Bestellungen aufnehmen und bei Meshkniga in Moskau darum betteln, daß ich genügend Exemplare bekam.  Man hätte mir jeden Band mit Gold aufgewogen. Die Lyrik Puschkins enthält also etwas, wonach sich die Menschen sehnen. Trifft diese Sehnsucht den Sinn des Lesers, bleiben beide für ein Leben lang unzertrennliche Freunde.

 

Für den größten Teil der deutschen Bevölkerung kann es zu dieser Begegnung nur mit Hilfe eines Dolmetschers kommen – des Übersetzers und Nachdichters. Der übernimmt aber nicht nur die Rolle des Sprachmittlers: er muß den Dichter voll und ganz ersetzen, ohne den „Ersatz“ spüren zu lassen. Dabei ist auch gegen eine freie Nachdichtung nichts einzuwenden, wenn die Botschaft des Dichters nur richtig verstanden wurde. Danach zu urteilen, mit welcher Begeisterung Puschkin bei uns gelesen wird, kommen die Botschaften offenbar nicht an. Wir, die wir diese Botschaften kennen, wissen aber auch, daß dieses Land die Botschaften Puschkins braucht, das ehemals gepriesene Land der Dichter und Denker, heute ein Land der Schlichter und Banker. Wir brauchen wieder Puschkinhäuser, Asyle für Dichterseelen, Orte der Begegnung für die musische Intelligenz, aus denen Talente kommen, die sich immer wieder dafür begeistern, das Wort dieses genialsten russischen Dichters „unters Volk“ zu bringen. Wie gut oder weniger gut dies bisher gelungen ist, möchte ich ihnen an einem Beispiel vorführen. Ich wähle eines aus, das für Fehlinterpretationen kaum Spielraum läßt, dessen Genesis bekannt ist und keiner weiteren Untersuchung bedarf.

 

Es handelt sich um eine Widmung – nach M.A. Maximowitsch aus dem Jahr 1829 (Nov./Dez.)? – vom 5. Januar 1830 (Briefwechsel ab 2. Februar) an die Gräfin Karolina Sobanskaja, die ihren Mann bereits 1816 verlassen hatte und seit 1821 offiziell mit dem Grafen Iwan Ossipowitsch Witt zusammen lebte, jedenfalls bis 1836. Beide, Witt und die Sobanskaja, hatte Puschkin schon in den Jahren 1821 bis 23 in Kiew und Odessa kennen gelernt.

 

Als er 1830 hartnäckig um Natalja Gontscharowa wirbt, hat sein Herz noch immer eine Schwäche für die 5 Jahre ältere Schönheit, wie wir aus seinen Briefen wissen. Der große Meister badete sich gern im Wechselbad seiner hohen Empfindungen. Das entsprach nun mal seiner Lebenssituation. Ende Januar hatte er erfahren, daß es ihm durch den Zaren endgültig untersagt bleibt, ins Ausland zu reisen. Das siebente Kapitel des „Eugen Onegin“ erscheint, China ist so unerreichbar wie die Schlüpfer der Gräfin Sobanskaja: folgerichtig beschließt Puschkin, zu heiraten. Er war nicht der erste, der sich so aus einem Zustand der Verzweiflung in die Katastrophe begab.

 

Und genau in diesem Moment bittet ihn die Sobanskaja darum, sich in ihr Poesiealbum einzutragen – ein Autogramm als Abschiedsgruß.

 

Wie würden sie darauf reagieren? Mit huldigenden Worten oder mit bitterem Sarkasmus? Auch hierin ist Puschkin einzigartig! Er hat es im Blut, genau die Worte zu wählen, die ihm selbst gut tun und die Gräfin nicht inkommodieren.

 

...(“Schto w imeni tebje majom?“)

 

Was für eine reizende Geschichte! Wieviel Charme und guter Geschmack stecken in diesen wenigen Zeilen. Wäre dies nicht auch ein reizvolles Gebiet für unsere Nachdichter? Es müßte für sie doch ein Anreiz sein, der jungen Generation zu zeigen, mit welchem Geschick sich ein richtiger Mann aus einer Verlegenheit zu winden wußte, in der man seinen Stolz auf eine empfindliche Probe stellte. Ehre ist schließlich noch immer ein gepflegter Begriff. Wie geht man aber damit um? Wie schützt man dabei auch die Ehre jener Person[1], deren oberflächliche Huld die feineren Instinkte eines Poeten, den Mann, verletzt hatten?

 

Schauen wir also einmal nach, wie die Nachdichter des letzten Jahrhunderts mit dieser simplen Lebenswahrheit des großen Poeten umgegangen sind, wie nahe sie dem Original kommen und wie wirkungsvoll, sprachlich wirkungsvoll das ist, was sie in den einsamen Stunden ihrer Zwiesprache  mit dem Dichter zu Papier gebracht haben.

 

Bei F. Fiedler sieht das so aus

 

                        „Was liegt an meinem Namen dir?

                        Er stirbt wie Klagelaut der Wellen,

                        Die fern am Uferwall zerschellen

                        Wie nachts ein Ruf im Waldrevier.

 

                        Auf dem Gedenkblatt traut und lieb

                        Bleibt eine tote Spur, den Zeichen

                        Auf einem Grabstein zu vergleichen,

                        Die eine fremde Sprache schrieb.

 

                        Bald tilgt ihn die Vergessenheit

                        In neuer Leidenschaften Streben,

                        Und nie wird reine Seligkeit

Erinnerung warm dein Herz durchfließen.

 

Doch wenn dich tiefes Weh befällt,

So lies das Blatt mit trübem Tone

Und sprich: „Noch denkt man mein: die Welt

Besitzt ein Herz noch, wo ich wohne!“

 

Was fällt uns besonders auf, nachdem wir das Original gehört haben? An erster Stelle die neuen Worte, die ziemlich überraschend auftauchen und dem Vers einen tieferen Sinn geben sollen, als es eigentlich beabsichtigt war. Aus kläglichem Lärm wird Klagelaut, und der Wald wird zum Revier. Um in der 2. Strophe dem festgelegten Reim der 4. Zeile einen schlüssigen Anfang zu geben, verwendet Fiedler neue Begriffe wie traut und lieb. Aus Ehrfurcht vor dem Reim übersieht er zu Beginn der 3. Strophe die dramaturgisch wichtige Wiederholung der Frage des Dichters: „Was hast du davon?“ und läßt aus vermutlich dem selben Grund die reinen, empfindsamen Erinnerungen für die Seele zur kolossalen Seligkeit emporsteigen, die warm das Herz durchfließt. Danach steigert sich Fiedler im vierten Vers zu einem Rausch der Gefühlsduselei. Aus Alltagskummer, den – falls die Dame nicht gerade anderes zu tun hat -  die insgeheime Nennung seines Namens vertreiben soll, wird tiefes Weh über einem Blatt, das man nur mit trübem Ton (was ist das?) zu lesen braucht, um sich zu trösten. Es greift einem schon sehr ans Herz, wenn man zweimal über das Wort „noch“ steigen muß. Wen ereilt da nicht ein Schluchzer, wenn er solches liest? Ist’s bald vorbei mit ihr? Die Ärmste ist hoffentlich nicht herzkrank! Wie tiefsinnig ist doch die Sprache eines Dichters... Oh, wenn der wüßte! Mir kommt diese Nachdichtung vor wie die schlechte Kopie eines einfachen Bildes, an dem einige kleine aber wichtige Details einfach fehlen und Stellen überbetont sind, die mit feinerem Strich gemalt mehr im Hintergrund bleiben sollten.

 

Hätte Puschkin der Sobanskaja ein Klagegedicht schreiben wollen, er hätte ihren Wunsch nicht zweimal durch die Frage „Was soll das?“ als ein Ansinnen klassifiziert, das die Tiefe ihrer gemeinsamen Beziehung in Frage stellt. Drei Strophen lang lehnt er dieses Ansinnen eigentlich ab, da er sich von der Dame mehr erwartet hatte, denn als Namenszug in ihrem Album zu verenden und wirft ihr die vierte Strophe wie einen Handschuh vor die Füße, der ihm zu klein geworden ist und mit dem sie machen kann, was sie will, und während sie noch seinen Namen ausspricht, soll ihr bewußt werden, daß es in dieser Welt jemanden gibt, der seine Erinnerung an sie in seinem Herzen mit Anstand bewahren kann (auch ohne Autogramm...!).

 

Es war für mich jetzt interessant, ob die anderen guten Nachdichter sich ähnliche Gedanken gemacht hatten. Weshalb sonst sollten sie sich die Mühe einer Übersetzung machen? Auch ihnen mußten doch die Mängel der früheren Nachdichtungen aufgefallen sein. Johannes von Guenther dichtete das auf Deutsch ca. 1946 so:

 

                        „Was liegt an meinem Namen dir?

                        Er stirbt, gleich dem betrübten Klagen

                        Der Wellen, die ans Ufer schlagen

                        Gleich nächt’gem Laut im Waldrevier.

 

                        Er läßt dem Blatt, auf dem er stand,

                        Nur eine tote Spur, als habe

                        Man eine Schrift auf einem Grabe

                        In einer Sprache unbekannt.

 

                        Was liegt an ihm? Verschollen lang

                        Im Aufruhr der Veränderungen,

                        Schenkt er dir nicht den reinen Klang

                        Der zärtlichen Erinnerungen.

 

                        Doch wenn einst Leid den Tag verhängt,

                        So nenn ihn ohne Widerstreben

                        Und sag: ich weiß, wer an mich denkt,

                        In einem Herzen darf ich leben!

 

Er hat auf jeden Fall gemerkt, daß die Frage nach dem Sinn des Autogramms doppelt gestellt werden muß, ist aber auch im Revier hängen geblieben und assoziiert unter einem eher matten Geräusch betrübtes Klagen. Wirklich, sehr betrüblich. An der Übersetzung der zweiten Strophe gibt es für mich kaum etwas auszusetzen. Auch die dritte Strophe ist recht geschickt übertragen, wobei ich nur bedauern muß, daß das schöne Wort Seele in keine deutsche Übersetzung zu passen scheint. Bei der vierten Strophe gingen ihm aber entschieden die Zügel durch. Das abgedroschene Klischee Leid verhängter Tage stürzt sich ohne Widerstreben auf das einmalige Ereignis Puschkin, um den Namen wissentlich zu verschlingen und eine vom Dichter nie gewollte Sentimentalität aufkommen zu lassen. Dabei ist es ihm aber gelungen, den großen Weltschmerz des ersten Beispiels wieder auf die Beziehung zweier Menschen zu reduzieren, die sich in der Welt füreinander verloren haben dürften. Doch während bei Puschkin ganz einfache Umstände, Tatsachen genannt werden („Stell dir vor: es gibt jemanden, der sich an dich erinnert, es gibt ein Herz, das diese Erinnerung bewahrt), formt der Nachdichter durch das Wort „darf“ schon wieder einen Zusammenhang zwischen Sein und Bewußtsein, den der Poet mit keinem einzigen Wort angesprochen hat. Die letzten zwei Zeilen hat Puschkin meiner Meinung nach doch so formuliert, daß man daraus nur einen Sinn lesen kann: er will der Dame bedeuten, daß man sich an einen Freund stets mit empfindendem Herzen erinnern soll, ohne ein Autogramm von ihm zu erbitten. Sie soll nicht auf seinen Schriftzug stieren, sondern die Augen schließen und sich an ihn erinnern.

 

Als ich dann las, daß sich Michael Engelhard jahrzehntelang mit den Gedichten aus der 1973-er Auflage beschäftigt hat, bekam ich Herzklopfen und fand:

 

                                               Was könnte dir mein Name sein?

                                               Er stirbt dahin, wie dumpfe Wellen

                                               Die klagend am Gestad zerschellen,

                                               Wie nachts ein Ruf im stummen Hain.

 

                                               Das Blatt mit meinem Namenszug

                                               Ist einem Grabmal zu vergleichen,

                                               In das man längst vergessene Zeichen

                                               In einer toten Sprache schlug.

 

                                               Was liegt an ihm? Verschüttet lang

                                               Von neuem, unruhvollen Leben

                                               Wird er dir nicht den reinen Klang

                                               Des zärtlichen Gedenkens geben.

 

                                               Doch magst du, wenn dich Leid befällt,

                                               In meinen Namen dich versenken;

                                               Dann sprich: ein Herz ist auf der Welt,

                                               Das wird auf immer mein gedenken...

 

Zu meiner Freude war das Revier in der ersten Strophe verschwunden und der Wald, der Hain so stumm wie im Original. Leider schwebt über dem matten Rauschen der Wellen noch immer etwas Klagendes und in mir die Ungewißheit darüber, was wohl zuerst da war: das „sein“ oder der „Hain“? In der zweiten Strophe ist aus der toten und unlesbaren Spur inzwischen ein Grabmal geworden. Das Wort Seele suche ich auch hier vergebens, wenngleich mir die „deutsche Lösung“ dieser dritten Strophe am besten gefällt. Auch insgesamt hat die Widmung an Schlankheit gewonnen, und die vierte Strophe ist mehr oder weniger gelungen gelöst. Weniger wegen des kleinen Wörtchens immer in der letzten Zeile, dafür mehr wegen der genialen Wiederentdeckung des Wortes „versenken“, in dem sich die russischen Begriffe „proisnessi“ und „toskuja“ vereinen. Dafür wäre ich Michael Engelhard am liebsten um den Hals gefallen. Denn genau das war es, worauf ich gehofft hatte. Er hatte bei der Arbeit für eine deutschsprachige Fassung eine wunde Stelle gefunden und den heilsamen Balsam entdeckt: das schöne deutsche Wort „versenken“. Das paßt!

 

Wie man sieht, gibt es eine Entwicklung bei der lyrischen Rezeption Puschkins, die dem Original auf der Fährte ist – mit Erfolg.

 

Was aber allen Schöpfungen nach Puschkin in Deutschland fehlt, das ist der versteckte, feine Sarkasmus, der zu der Persönlichkeit Puschkins gehört, wie das Salz zum Frühstücksei – der spürbare Stolz eines Menschen, der sich seiner Gabe, seiner Berufung sehr bewußt ist und dennoch unter der Arroganz der höheren Aristokratie leidet. Deshalb muß immer wieder neu versucht werden, die Dichtung Puschkins so originalgetreu wie möglich zu vermitteln. Daß hierbei Fortschritte möglich sind, wollte ich mit meinem Beispiel beweisen. Daß noch Fortschritte gemacht werden müssen – darauf wollte ich hinweisen. Nur so hat das Werk Puschkins eine Chance, auch weiterhin verstanden zu werden, nur so können die Menschen künftiger Generationen auf die Leichtigkeit des Seins bei Puschkin zurückgreifen, sich an seiner Einmaligkeit begeistern und an der Erkenntnis: es kann wirklich schön sein, Mensch zu heißen, wie schön – das weiß man aber nur, wenn man den Namen Puschkin nennt und weiß, was er einem wirklich bedeutet.

 

Es hat 140 Jahre gedauert, bis uns der „Eugen Onegin“ in der Fassung von Rolf-Dietrich Keil gegeben wurde, und es gibt daneben auch eine Reihe hervorragender Nachdichtungen des lyrischen Werkes. Welche aber soll das breite Publikum in Deutschland lesen? Was sagt ihm der Name Puschkin? Welchen Einfluß kann die Deutsche Puschkingesellschaft darauf nehmen? Diesen Fragen sollte sich der neue Vorstand stellen, den wir anschließend wählen werden.

 


[1] Karolina Adamowna Sobanskaja, geb. Gräfin Rshewskaja (ca. 1794-1885), Tochter des Kiewer Adelsvorstandes und dessen Frau Justina, eine geb. Rdultowskaja, war verh. mit Hieronymus Sobaskij (geb. 1761) und schloß schon kurz nach ihrer Heirat mit I.O. Witt eine Lebensgemeinschaft. Nach 1836 heiratete sie Stepan Christophorowitsch Tschirkowitsch und im vorangeschrittenen Alter ein drittes Mal - den französischen Literaten Jules Lacroix. Zum ersten Zusammentreffen mit Puschkin kam es offenbar am 2. Februar 1821 in Kiew, wohin Puschkin mit W.F. Rajewskij von Kamenka aus für 10 Tage gefahren war (mit Genehmigung Insows). Nach seiner Rückkehr beendet er die Erzählung „Der Gefangene des Kaukasus“.

 

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