Am Polarkreis

Maria Andrejewna und Alexander Andrejew

 

 

Alexander (Sascha) Andrejew bringt uns zu sich nach Hause in ein kleineres Nachbardorf von Khonu. Ich hätte vielleicht die bewussten Tüten aus dem Flugzeug lieber mit ins Auto nehmen sollen, so schaukelt der Jeep durch die „Schlaglöcher", die zuweilen eine Größe annehmen, dass sich eine ausgewachsene Kuh gut darin verstecken könnte. Als ich gerade die möglichen Größenverhältnisse geeigneter Verstecke aller größeren Haustiere durchgehe, gibt es einen besonders starken Schlag. Zum Glück ist das Auto mit Personen und Gepäck so voll, dass man nicht groß herumfliegen kann. Mir wird in diesem Moment absolut klar, weshalb fast alle Jeeps ein Lederdach haben. Dadurch vermeidet man hässliche Beulen am oberen Ende des Körpers, wenn man geschmeidig per Auto von einem Loch zum anderen hüpft. Ein Eldorado für Geländewagen- und Buckelpistenfans! Und alles inklusive, ohne Aufpreis!

 

Das Häuschen in Suon-Tüt, wie das Dörfchen heißt, ist wunderhübsch anzuschauen. Direkt am Wald steht ein Holzhaus mit allen notwendigem Komfort, ein weiteres kleineres Häuschen, welches die Sommerküche enthält, ein drittes noch kleineres Häuschen als Wasch- und Baderaum (Banja) und ein winzigkleines Häuschen mit einer 2-zylindrigen Außentoilette, die nur aus 2 Löchern im Holzboden besteht. Man sollte zu Hause schon mal ein bisschen das Zielen üben. Aber Achtung, nicht dass der Nachbar es mitbekommt. Du kommst dann bestimmt in einen argen Erklärungsnotstand. Ich schreibe dies, damit du weißt, worauf du dich bei deinem Besuch in Sibirien einlässt. Aber das ist hier auch das erste und letzte Mal, dass ich darauf eingehe. Ich habe mich darauf eingelassen und eingestellt und kann den dortigen Komfort akzeptieren. Fertig! Wir (Warja und ich) bekommen unsere Schlafplätze im Haus zugewiesen. Mein Zimmer ist das des Sohnes von Maria und Sascha, der derweil bei Verwandten wohnt. Uns wird alles gezeigt und wir erhalten ein gutes Essen. Ich muss einiges über mich erzählen und erfahre andererseits etwas über unsere Gastgeber und das Dorf.

 

Maria (Mascha) Andrejewna ist in der Administration des Kreises mit Sitz in Khonu angestellt. Sie ist die Leiterin und einzige Mitarbeiterin der Meldestelle und die einzige staatliche Standesbeamte des Kreises in Persona. Alexander (Sascha) Andrejew, ihr Mann, ist der Bürgermeister der Kreisstadt Khonu. Im Ort ist aus der ehemaligen Kolchose ein gut funktionierender landwirtschaftlicher Betrieb geworden. Hier wird Rinderund Pferdezucht betrieben. Die Rentierherden, die jetzt im Sommer aber in kälteren Gefilden weiden, scheinen mehr oder weniger in Privatbesitz zu sein.

 

 

Bei Mascha und Sascha war bereits mehrmals ein deutscher Geigenbauer aus Baden-Württemberg. Er heißt Martin. Und da Martin den Jakuten besser über die Lippen kommt als Holger, und ich außerdem später mehrmals verwechselt werde, macht es sich ganz gut, dass ich spontan hier den Namen „Martin, der Zweite" annehme.

 

Mittlerweile ist es schon Abend geworden. Ich schaue auf die Uhr. Es ist schon nach 21:00 Uhr Ortszeit, aber noch hell. Sascha schlägt vor, einen kurzen Ausflug in die Umgebung von SuonTüt zumachen. Wir wollen losfahren, aber der Jeep hat einen Plattfuß. Sascha will das Ersatzrad aufziehen, leider ist das ebenfalls nicht in Ordnung. Also: Reifen flicken. Um diese Zeit? Da muss er sich aber beeilen, ehe es dunkel wird. Er geht aber alles in absoluter Ruhe an. Demontage, Schlauch raus, Flicken holen, Schlauch flicken, Klebestelle pressen, warten ... Ach so: ich bin doch am Polarkreis. Und es ist fast die Jahresmitte. Da wird es doch gar nicht dunkell Das ist eine komische Vorstellung für mich. Und ich sage zu Sascha: „Bei euch ist die Sonne kaputt! Es wird nicht dunkel!". Erst guckt er etwas irritiert, dann muss er lachen. Ich mache einige Fotos, auf denen die Uhrzeit immer mit eingeblendet wird, um zu Hause zu zeigen, wie „komisch" das hier ist.

 

Endlich fahren wir los, ein paar Kilometer in die Taiga. Wir besichtigen die Sommerweiden, einige Plätze, auf denen Holzhäuser stehen und einen kleinen Fluss. Die Holzhäuser sind die Sommerwohnsitze der Viehzüchter. Das geht auf eine wahrscheinlich Jahrtausende alte Tradition zurück: Im Winter wohnt man zusammen in einer größeren Siedlung, im Sommer verteilen sich die Leute in der Taiga, wobei entsprechend der Größe der Weideplätze die Anzahl der Familien, die auf ein und demselben Platz wohnen kann, geregelt wird.

 

Auf der Rückfahrt wird es dämmrig und wir erreichen den Sonnentiefstand. Es ist so gegen 24:00 Uhr, aber nicht richtig dunkel. Meine „innere Uhr" ist sowieso schon verstellt, aber nun bemerke ich mit Entsetzen, dass auch mein „innerer Kompass" vollkommen durcheinander geraten ist. Stelle dir einmal vor, du gehst vor dein Haus, weißt ungefähr, wie spät es ist, siehst also z.B. gegen Mittag die Sonne und weißt: dort ist ungefähr Süden. Ich weiß zwar gerade auch, dass es spät ist, sehe aber um diese Zeit zu Hause nie die Sonne. Jetzt sehe ich die Sonne, aber sie steht im Norden! Einfach, nicht wahr? Zumal ich auch praktisch gleichzeitig Sonnenuntergang und -aufgang erlebe. Na ja: „Sonne kaputt"!

 

Ich bin (wieder mal) ziemlich müde und geschafft und muss dringend ins Bett. Ich kann mich kaum noch auf den Beinen halten. Später werde ich mit Bewunderung feststellen, dass sich die Menschen hier offenbar perfekt an die Gegebenheiten angepasst haben. Im Sommer sind sie zum Teil 19 bis 20(!) Stunden auf den Beinen und halten nur einen kurzen Schlaf. Wahrscheinlich werden sie im Winter dafür länger schlafen. Eigentlich ganz vernünftig, finde ich. Nur ich kann das nicht. Ich brauche halt meinen Schlaf.

 

Holger Roehle

Trockenfisch und Stalinlied

Reiseeindrücke aus Sibirien

ISBN: 3-8334-2948-8 - (Paperback 18,00 €)

Holger-Roehles Jakutien-Seiten

 

 

á